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Körperbalance Zentrum

Konzentrative Bewegungstherapie

Körperwahrnehmung bei chronischen Schmerzen: Sanfte Wege zur Linderung

Wenn der Rücken seit Wochen schmerzt, die Schultern kaum noch loslassen oder jede Bewegung schon im Voraus Anspannung auslöst, verändert sich nicht nur die schmerzende Körperstelle.

Körperwahrnehmung bei chronischen Schmerzen: Sanfte Wege zur Linderung

Der ganze Organismus richtet sich auf Schutz ein: Die Muskulatur erhöht ihren Tonus, der Atem wird flacher, die Aufmerksamkeit wandert ständig zum möglichen nächsten Schmerzsignal. So kann ein Kreislauf entstehen, in dem Schmerz und Anspannung einander verstärken.

Chronischer Schmerz bedeutet medizinisch, dass Beschwerden länger als drei Monate beziehungsweise zwölf Wochen anhalten. Seine ursprüngliche Warn- und Schutzfunktion tritt dann zunehmend in den Hintergrund. Das heißt nicht, dass der Schmerz eingebildet wäre. Er ist real – aber seine Verarbeitung im Nervensystem wird von vielen Faktoren beeinflusst: von Bewegung, Schlaf, Stress, bisherigen Erfahrungen, Schonverhalten und der Frage, wie sicher oder bedrohlich sich der eigene Körper gerade anfühlt.

Eine verbesserte Körperwahrnehmung kann helfen, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Sie nimmt den Schmerz nicht einfach weg und ersetzt keine ärztliche Abklärung. Sie schafft jedoch wieder mehr Bewegungsspielraum zwischen einem ersten Körpersignal und der automatischen Reaktion darauf.

Der Teufelskreis aus Schmerz und muskulärer Anspannung

Bei akuten Beschwerden erfüllt Schmerz zunächst eine sinnvolle Aufgabe. Er signalisiert, dass eine Belastung begrenzt oder eine Verletzung geschont werden sollte. Hält der Schmerz jedoch über längere Zeit an, kann sich die Reaktion verselbstständigen. Der Körper bleibt in einer Art Bereitschaft, auch wenn die ursprüngliche Ursache längst abgeheilt oder nicht mehr allein für die aktuelle Schmerzstärke verantwortlich ist.

Eine typische Abfolge sieht so aus:

1. Ein Schmerzsignal taucht auf.

Vielleicht beginnt es mit einem Ziehen im unteren Rücken, einem Druck im Nacken oder einem Brennen in der Schulter.

2. Die Muskulatur reagiert reflexartig.

Der Körper versucht, die betroffene Region zu schützen. Der Tonus steigt, Bewegungen werden kleiner und vorsichtiger.

3. Die Aufmerksamkeit verengt sich.

Sie prüfen beim Aufstehen, Drehen oder Bücken sofort, ob es wieder schmerzt. Jede Empfindung erhält dadurch mehr Gewicht.

4. Das Nervensystem bewertet Bewegung als Risiko.

Aus einem vorsichtigen Ausprobieren wird ein inneres Abwarten. Der Atem stockt, die Spannung nimmt weiter zu.

5. Die veränderte Spannung verstärkt die Beschwerden.

Muskeln ermüden schneller, Bewegungen werden weniger fließend, und das Schmerzsystem reagiert empfindlicher auf Reize.

Das lässt sich nicht mit dem Satz auflösen, man müsse sich einfach entspannen. Wer über längere Zeit Schmerzen hat, kann Entspannung nicht auf Kommando herstellen. Sie braucht zunächst eine Erfahrung von Sicherheit: Ich darf meinen Körper wahrnehmen, ohne sofort gegen jede Empfindung anzukämpfen.

Körperwahrnehmung bedeutet nicht, den Schmerz wegzudenken. Sie bedeutet, wieder Unterschiede zu spüren: zwischen Anspannung und Halt, zwischen Schutz und Bewegung, zwischen Warnsignal und dauernder Alarmbereitschaft.

Bei chronischen Schmerzen berichten viele Menschen außerdem von einer eigentümlichen Entfremdung vom eigenen Körper. Der Rücken wird nur noch als Problemzone wahrgenommen, das Bein als unsicher, der Bauch als fest und angespannt. Andere Körperbereiche verschwinden aus dem Erleben. Gerade diese Verengung kann die Beschwerden aufrechterhalten, weil der gesamte Organismus nur noch unter dem Gesichtspunkt des Schmerzes betrachtet wird.

In der Therapie geht es deshalb nicht darum, die schmerzende Stelle zu ignorieren. Wir beziehen sie ein, geben ihr aber nicht mehr die alleinige Führung. Ein Schulterbereich kann gleichzeitig schmerzhaft, warm, getragen und beweglich sein. Ein Rücken kann empfindlich sein und dennoch kleine, kontrollierte Bewegungen zulassen. Solche feinen Unterscheidungen sind keine Nebensache. Sie erweitern die innere Landkarte des Körpers.

Was Bewegungstherapie bei chronischen Schmerzen leisten kann

Bewegung wirkt bei chronischen Schmerzen nicht nur über Muskeln und Gelenke. Sie beeinflusst auch die Aufmerksamkeit, die Atmung, das autonome Nervensystem und die Erwartung an eine Bewegung. Das erklärt, weshalb eine individuell angepasste Bewegungstherapie häufig hilfreicher ist als ein allgemeines Übungsprogramm, das unabhängig von der aktuellen Verfassung durchgeführt wird.

Eine Metaanalyse der Goethe-Universität Frankfurt bezog Daten von mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen ein. Sie zeigte, dass personalisierte Bewegungstherapien in Verbindung mit kognitiver Verhaltenstherapie die Schmerzlinderung signifikant verbessern können. Der entscheidende Punkt liegt dabei in der Kombination: Bewegung wird nicht isoliert als mechanisches Training verstanden, sondern mit dem Umgang mit Schmerz, Befürchtungen und Vermeidungsverhalten verbunden.

Auch eine systematische Übersichtsarbeit, deren Recherchezeitraum bis Mai 2024 reichte, wertete 75 Studien mit insgesamt 15.395 Teilnehmenden zu Rückenschmerzen aus. Solche Übersichten geben Hinweise darauf, dass Bewegung und psychotherapeutische Verfahren sinnvoll miteinander verbunden werden können. Sie belegen jedoch nicht automatisch die Wirksamkeit jeder einzelnen Methode bei jeder Person.

Für die Konzentrative Bewegungstherapie ist die Forschungslage kleiner. In einer Forschungsübersicht von Klaus-Peter Seidler aus dem Jahr 2001 wurden 23 empirische Arbeiten zur KBT zusammengetragen. Das zeigt, dass die Methode wissenschaftlich untersucht wurde. Es bedeutet zugleich, dass ihr spezifischer Wirkungsanteil bei chronischen Schmerzen bislang weniger umfassend dokumentiert ist als der multimodaler Behandlungsansätze insgesamt.

Bewegungsorientierter AnsatzWas im Vordergrund stehtMöglicher Nutzen bei chronischen Schmerzen
Personalisierte BewegungstherapieDosierte, an die Belastbarkeit angepasste AktivitätMehr Vertrauen in Bewegung und weniger Vermeidung
Achtsamkeitsbasierte VerfahrenWahrnehmen von Empfindungen, Gedanken und ReaktionenMehr Abstand zur automatischen Schmerzbewertung
Meditative Bewegungsformen wie Qigong, Tai-Chi oder YogaRuhiger Bewegungsfluss, Atmung und AufmerksamkeitslenkungUnterstützung der vegetativen Regulation und des Körpergefühls
Konzentrative BewegungstherapieWahrnehmung, Ausdruck und Bedeutung des eigenen körperlichen ErlebensBesseres Spüren von Spannung, Grenze, Impuls und Bewegungsspielraum
Kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit BewegungUmgang mit Schmerzgedanken, Angst und SchonverhaltenNachhaltigeres Erproben von Aktivität im Alltag

Die Wirkung entsteht also selten durch eine einzelne Übung. Sie entwickelt sich über wiederholte Erfahrungen: Eine Bewegung kann unangenehm sein, ohne gefährlich zu sein. Eine Anspannung kann wahrgenommen und wieder verändert werden. Ein Atemzug kann den Körper erreichen, ohne dass die Beschwerden sofort verschwinden müssen.

Die Rolle der Konzentrativen Bewegungstherapie

Die Konzentrative Bewegungstherapie, kurz KBT, gehört zu den leiborientierten körperpsychotherapeutischen Verfahren. Das Wort „konzentrativ“ meint dabei keine angestrengte Konzentration. Gemeint ist eine nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, die sich auf das unmittelbar Erlebte richtet: Wie steht mein Fuß auf dem Boden? Wo beginnt eine Bewegung? Wo verändert sich der Atem? Wann wird aus einer kleinen Anspannung ein Festhalten?

In der KBT arbeiten wir nicht ausschließlich mit dem sichtbaren Bewegungsablauf. Entscheidend ist die Resonanz, die eine Bewegung im Menschen auslöst. Zwei Personen können denselben Gegenstand anheben und dabei etwas völlig Unterschiedliches erleben: Die eine spürt Kraft und Stabilität, die andere Unsicherheit, Druck oder die Erwartung, dass es gleich schmerzen wird.

Solche Reaktionen werden nicht vorschnell gedeutet. Wir nehmen sie zunächst wahr und beschreiben sie möglichst genau. Das kann sich auf sehr einfache Fragen konzentrieren:

  • Wo im Körper spüren Sie die Bewegung am deutlichsten?
  • Bleibt der Atem in diesem Moment frei oder hält er kurz an?
  • Welche Stelle trägt Sie, während Sie sich bewegen?
  • Wo verändert sich die Spannung, wenn Sie langsamer werden?
  • Gibt es neben dem Schmerz auch Wärme, Kontakt, Weite oder Halt?
  • Welche Bewegung wäre heute gerade noch gut erforschbar?

Diese Fragen führen nicht aus dem Körper heraus in eine abstrakte Analyse. Sie helfen, im Erleben zu bleiben, ohne davon überwältigt zu werden. Gerade bei chronischen Schmerzen kann das eine neue Form von Selbstwirksamkeit schaffen. Sie müssen Ihrem Körper nicht sofort vertrauen. Sie können zunächst lernen, ihn genauer zu spüren.

KBT ist keine standardisierte Schmerzgymnastik

KBT-Übungen für zu Hause können sehr klein sein. Eine bewusste Gewichtsverlagerung vom rechten auf den linken Fuß, das langsame Öffnen und Schließen der Hände oder das Spüren des Rückens an einer Stuhllehne können bereits therapeutisch bedeutsam werden. Nicht, weil diese Bewegungen eine bestimmte Krankheit heilen, sondern weil sie Kontakt und Differenzierung ermöglichen.

Das unterscheidet KBT von einem rein funktionellen Trainingsplan. In der Physiotherapie kann beispielsweise die Kräftigung bestimmter Muskelgruppen im Vordergrund stehen. In der KBT interessiert zusätzlich, wie Sie diese Bewegung erleben: Beginnt sie aus einem inneren Impuls oder aus Druck? Wird der Atem weiter oder enger? Fühlt sich die Bewegung selbstbestimmt an oder wie eine Aufgabe, die gegen den Körper durchgesetzt werden muss?

Beides kann sich ergänzen. Menschen mit chronischen Schmerzen benötigen häufig sowohl körperliches Training als auch einen besseren Zugang zu ihren Warn- und Belastungssignalen. Die KBT ersetzt weder eine physiotherapeutische Diagnostik noch eine ärztliche Behandlung. Sie kann aber einen Raum eröffnen, in dem Sie Ihre Reaktionen auf Bewegung verstehen und neu verankern.

Körperkontakt und Schmerztherapie

Auch Körperkontakt kann in einer leiborientierten Therapie eine Rolle spielen – allerdings nur mit klarer Zustimmung, sorgfältiger Absprache und einem jederzeit respektierten Nein. Dabei geht es nicht um eine besondere Berührungstechnik, die Schmerzen beseitigt. Eine Hand an der Schulter oder am Rücken kann unter geeigneten Bedingungen helfen, eine Körpergrenze, eine Aufrichtung oder einen tragenden Kontakt wahrzunehmen. Für manche Menschen ist Berührung jedoch unangenehm, überfordernd oder mit belastenden Erfahrungen verbunden.

Deshalb ist verbaler Kontakt oft ebenso bedeutsam: das gemeinsame Benennen, das Nachfragen, die Möglichkeit, eine Bewegung zu unterbrechen. Therapeutische Beziehung zeigt sich nicht nur in Berührung, sondern in der Resonanz zwischen zwei Menschen. Sie spüren, ob Ihr Tempo aufgenommen wird, ob Ihre Grenze Raum hat und ob die Übung an Ihr aktuelles Erleben angepasst wird.

Körperbewusstsein im Alltag stärken

Die Verbesserung der Körperwahrnehmung bei chronischen Schmerzen beginnt nicht unbedingt mit einer langen Übungseinheit. Häufig ist ein kurzer Moment zwischen zwei Alltagshandlungen geeigneter, weil der Körper dort tatsächlich gebraucht wird. Sie stehen auf, greifen nach einem Gegenstand, gehen einige Schritte oder setzen sich wieder hin. Diese Übergänge bieten natürliche Anker.

Eine Übung sollte weder den Schmerz provozieren noch ihn zwanghaft vermeiden. Suchen Sie einen Bereich, in dem Sie neugierig bleiben können. Die Bewegung darf klein sein. Sie muss nicht sportlich aussehen und nicht perfekt gelingen.

1. Den Kontakt zum Boden aufnehmen

Setzen oder stellen Sie sich so hin, dass beide Füße den Boden berühren. Drücken Sie nicht stärker nach unten, als es angenehm ist. Spüren Sie zunächst nur, wo der Kontakt deutlich und wo er undeutlich ist.

Verlagern Sie das Gewicht langsam ein wenig nach vorn und wieder zurück. Vielleicht verändert sich der Druck unter den Fersen oder unter dem Vorderfuß. Vielleicht reagiert der Rücken, vielleicht auch nicht. Lassen Sie die Bewegung klein genug, dass Sie Ihren Atem weiter wahrnehmen können.

Nach einigen Wiederholungen bleiben Sie stehen oder sitzen und prüfen, ob sich etwas verändert hat. Nicht zwingend der Schmerz. Vielleicht ist die Haltung etwas aufgerichteter, der Atem fließt tiefer, oder die Füße fühlen sich präsenter an. Genau diese kleinen Unterschiede bilden eine Verankerung.

2. Eine schmerzende Region nicht bekämpfen

Richten Sie die Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment auf die schmerzende Körperstelle. Versuchen Sie nicht, sie zu entspannen. Beschreiben Sie stattdessen innerlich möglichst nüchtern: eher Druck oder Ziehen, oberflächlich oder tief, gleichbleibend oder pulsierend, begrenzt oder ausstrahlend?

Anschließend lenken Sie Ihre Wahrnehmung auf einen neutralen oder angenehmen Bereich, etwa die Hände, die Fußsohlen oder den Kontakt zum Stuhl. Wechseln Sie langsam zwischen beiden Bereichen. So muss die schmerzende Stelle nicht die gesamte Aufmerksamkeit tragen.

Bei manchen Menschen nimmt die Schmerzintensität dadurch vorübergehend ab, bei anderen wird zunächst deutlicher, wie angespannt sie sind. Beides ist eine mögliche Reaktion. Wenn die Übung Sie zunehmend aufwühlt, brechen Sie ab und orientieren Sie sich wieder im Raum: Sehen Sie sich um, benennen Sie Farben oder spüren Sie die Füße am Boden.

3. Bewegung vor dem Schmerzgedanken beginnen lassen

Chronische Beschwerden werden oft von einer Erwartung begleitet: Beim Bücken wird es wehtun, beim Gehen wird das Bein versagen, nach dem Aufstehen wird der Rücken steif sein. Diese Erwartung kann bereits vor der eigentlichen Bewegung eine Schutzspannung auslösen.

Wählen Sie eine alltägliche Bewegung und führen Sie nur den ersten kleinen Teil aus. Bevor Sie sich vollständig bücken, lassen Sie beispielsweise die Hände in Richtung Oberschenkel gleiten. Bevor Sie einen längeren Weg gehen, spüren Sie einige Schritte lang den Rhythmus Ihrer Füße. Halten Sie kurz inne und fragen Sie sich: Was geschieht jetzt tatsächlich?

Es geht nicht darum, die Befürchtung zu widerlegen oder sich zu zwingen. Sie sammeln eine unmittelbarere Erfahrung. Dadurch kann sich der Bewegungsspielraum langsam erweitern.

4. Mit Rhythmus und Ausatmung arbeiten

Atemübungen und meditative Bewegungsformen wie Qigong, Tai-Chi oder Yoga können die parasympathische Aktivität unterstützen. Der Parasympathikus ist ein Teil des autonomen Nervensystems, der an Ruhe- und Erholungsprozessen beteiligt ist. Solche Übungen können vegetative Stressreaktionen dämpfen und das Körpergefühl stärken.

Eine einfache Variante besteht darin, eine Bewegung an die Ausatmung zu koppeln. Beim Ausatmen lassen Sie die Schultern ein wenig sinken oder öffnen die Hände. Beim Einatmen kehren Sie in eine bequeme Ausgangsposition zurück. Verändern Sie den Atem nicht gewaltsam und zählen Sie nicht, wenn Sie dadurch Druck aufbauen.

Bei Schwindel, Luftnot, Panik oder einer deutlichen Verschlechterung kehren Sie zum normalen Atem zurück und beenden die Übung. Atemarbeit ist nicht für alle Situationen passend. Sie sollte sich regulierend anfühlen – nicht wie eine weitere Leistung.

5. Einen sicheren Bewegungsumfang erforschen

Beim körperbewussten Üben ist die Frage nicht nur: Wie weit kann ich gehen? Ebenso bedeutsam ist: Wie kann ich zurückkehren? Beginnen Sie beispielsweise mit einer kleinen Drehung des Oberkörpers. Spüren Sie, an welchem Punkt die Bewegung unangenehm wird. Kehren Sie dann langsam zurück, bevor Sie über Ihre Grenze gehen.

So lernt der Körper nicht nur die Belastung kennen, sondern auch die eigene Steuerbarkeit. Sie können eine Bewegung beginnen, dosieren und beenden. Dieses Erleben von Wahlmöglichkeit ist bei chronischen Schmerzen besonders wertvoll, weil es dem Gefühl entgegenwirkt, dem Körper ausgeliefert zu sein.

Vegetative Regulation: Atem und Bewegung als Anker

Schmerz ist nicht allein ein lokales Geschehen. Schlafmangel, andauernde Anspannung und emotionale Belastungen können die Empfindlichkeit des Nervensystems erhöhen. Das bedeutet nicht, dass Stress die Ursache aller Beschwerden wäre. Es bedeutet, dass das Nervensystem Informationen aus dem gesamten Organismus verarbeitet und seine Alarmbereitschaft verändert werden kann.

Viele Menschen bemerken diese Alarmbereitschaft zuerst an körperlichen Zeichen:

  • Der Kiefer presst zusammen, ohne dass es bewusst auffällt.
  • Der Atem bleibt im oberen Brustraum.
  • Die Hände sind kalt oder angespannt.
  • Die Schultern bewegen sich kaum noch mit dem Atem.
  • Die Aufmerksamkeit springt ständig zum nächsten möglichen Schmerz.
  • Ruhe fühlt sich nicht erholsam, sondern ungewohnt oder sogar unsicher an.

Leiborientierte Entspannungstechniken setzen an diesen konkreten Erfahrungen an. Sie versuchen nicht, den Körper in einen idealen Zustand zu bringen. Sie unterstützen eine feinere Regulation. Dazu können langsame Bewegungen, ein stabiler Bodenkontakt, eine angenehme Sitzposition, rhythmisches Gehen oder ein bewusstes Nachspüren nach einer Bewegung gehören.

Gerade beim chronischen Rückenschmerz ist es hilfreich, nicht nur auf die Lendenwirbelsäule zu schauen. Wie tragen die Füße? Wie verteilt sich das Gewicht im Becken? Kann sich der Brustkorb bewegen? Was geschieht mit dem Nacken, wenn die Arme locker pendeln? Ein Rückenschmerz muss nicht allein durch den Rücken bearbeitet werden. Der Körper organisiert Haltung und Bewegung als Ganzes.

Auch der Begriff „Körperbewusstsein“ sollte dabei nicht zu einer neuen Forderung werden. Sie müssen Ihren Körper nicht jederzeit aufmerksam beobachten. Dauernde Selbstkontrolle kann die Schmerzaufmerksamkeit sogar verstärken. Entscheidend ist die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit flexibel zu bewegen: hin zur schmerzenden Stelle, weg davon, in den Raum, zum Atem, zum Kontakt mit dem Boden und wieder zurück.

Wann Selbstwahrnehmung nicht ausreicht

Körperwahrnehmung kann eine sinnvolle Ergänzung in der Behandlung chronischer Schmerzen sein. Neue, starke oder rasch zunehmende Beschwerden gehören jedoch ärztlich abgeklärt. Das gilt insbesondere bei Schmerzen nach einem Unfall, bei Fieber oder ausgeprägtem Krankheitsgefühl, bei neu auftretenden Lähmungs- oder Taubheitsgefühlen, Problemen mit Blase oder Darm sowie bei ungeklärtem Gewichtsverlust. Auch nächtliche Schmerzen, die deutlich zunehmen, sollten medizinisch eingeordnet werden.

Wer bereits wegen chronischer Schmerzen behandelt wird, sollte neue Übungen mit der behandelnden Ärztin, dem behandelnden Arzt oder einer qualifizierten Therapeutin beziehungsweise einem qualifizierten Therapeuten abstimmen. Das gilt besonders bei neurologischen Erkrankungen, nach Operationen, bei ausgeprägter Traumafolgesymptomatik oder wenn Körperübungen starke Angst und Überflutung auslösen.

Bei einer KBT-Behandlung entscheidet nicht die Schwierigkeit einer Übung über ihren Wert. Eine Bewegung kann äußerlich klein sein und innerlich viel auslösen. Deshalb gehen wir Schritt für Schritt vor: wahrnehmen, benennen, dosieren, nachspüren. Wenn eine Übung zu viel wird, ist das Unterbrechen kein Scheitern, sondern eine angemessene Selbstregulation.

Ein praktischer Impuls für den Alltag

Nehmen Sie sich heute einen Übergang vor, den Sie ohnehin ausführen: das Aufstehen vom Stuhl, den Weg zur Haustür oder das Hinlegen am Abend. Verlangsamen Sie ihn für drei Atemzüge.

Spüren Sie zunächst den Kontakt zum Boden oder zur Sitzfläche. Lassen Sie dann eine kleine Bewegung entstehen, ohne sie sofort zu bewerten. Beobachten Sie, wo der Körper trägt und wo er festhält. Fragen Sie sich nicht nur, ob es schmerzt, sondern auch, ob sich irgendwo ein wenig Wärme, Raum, Atem oder Beweglichkeit zeigt.

Vielleicht verändert sich die Intensität des Schmerzes nicht. Auch dann kann etwas geschehen sein: Sie haben eine Empfindung wahrgenommen, ohne unmittelbar in Alarm zu geraten. Sie haben eine Grenze bemerkt und sind innerhalb dieser Grenze in Bewegung geblieben. Aus solchen kleinen Erfahrungen wächst Verankerung.

Die Konzentrative Bewegungstherapie und andere körperorientierte Verfahren versprechen keine schnelle Heilung chronischer Schmerzen. Ihr Wert liegt an einer anderen Stelle: Sie helfen, den eigenen Körper wieder als lebendigen Zusammenhang zu erfahren – nicht nur als Träger einer Diagnose oder als Quelle von Beschwerden. Wenn Wahrnehmung, Atmung und Bewegung allmählich miteinander in Kontakt kommen, kann daraus ein größerer Bewegungsspielraum entstehen. Und manchmal beginnt Entlastung genau dort: nicht mit dem Kampf gegen den Schmerz, sondern mit einem genaueren, freundlicheren Spüren.

Häufige Fragen

Was genau ist chronischer Schmerz?
Medizinisch gesehen liegt ein chronischer Schmerz vor, wenn die Beschwerden länger als drei Monate beziehungsweise zwölf Wochen anhalten.
Kann Körperwahrnehmung den Schmerz heilen?
Körperwahrnehmung nimmt den Schmerz nicht einfach weg und ersetzt keine ärztliche Abklärung. Sie hilft jedoch dabei, den Kreislauf aus Anspannung und Schmerz zu unterbrechen und den Bewegungsspielraum zu erweitern.
Was ist der Unterschied zwischen KBT und klassischer Physiotherapie?
Während in der Physiotherapie oft die funktionelle Kräftigung im Vordergrund steht, interessiert bei der Konzentrativen Bewegungstherapie (KBT) zusätzlich das subjektive Erleben der Bewegung, wie etwa die Atmung oder innere Impulse.
Wann sollte ich bei Schmerzen einen Arzt aufsuchen?
Ärztliche Abklärung ist bei neuen, starken oder rasch zunehmenden Beschwerden notwendig, insbesondere nach Unfällen, bei Fieber, Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühlen oder ungeklärtem Gewichtsverlust.
Ist Berührung in der Schmerztherapie sinnvoll?
Berührung kann helfen, Körpergrenzen oder einen tragenden Kontakt wahrzunehmen, sofern sie auf klarer Zustimmung basiert. Für manche Menschen kann sie jedoch überfordernd sein, weshalb auch verbaler Kontakt eine wichtige Rolle spielt.