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Körperbalance Zentrum

Systemische Therapie

Systemische Therapie: Mythen über die Dauer der Behandlung

Die systemische Therapie wird häufig in zwei entgegengesetzten Varianten beschrieben: als kurze Intervention mit wenigen Sitzungen oder als zeitlich völlig offene Behandlung ohne klaren Endpunkt. Beides greift zu kurz.

Systemische Therapie: Mythen über die Dauer der Behandlung

In der Praxis umfasst eine systemische Therapie häufig etwa 10 bis 15 Sitzungen, in vielen Verläufen auch 12 bis 24. Bei höherer Komplexität kann die Behandlung länger dauern.

Die Sitzungsanzahl ist deshalb kein Qualitätsmerkmal an sich. Entscheidend ist, ob die therapeutische Intervention zur Problemlage, zur Strukturdynamik des Systems und zum angestrebten Veränderungsprozess passt. Eine kurze Behandlung kann fachlich ausreichend sein. Sie kann aber ebenso zu knapp angesetzt sein, wenn relevante Beziehungsmuster, chronische Belastungen oder mehrere psychische Symptome gleichzeitig bearbeitet werden müssen.

Zwischen Kurzzeit-Fokus und Langzeit-Bedarf: Die Realität der Sitzungsanzahl

Systemische Therapie arbeitet in der Regel ziel- und auftragsorientiert. Zu Beginn wird geklärt, welches Problem konkret verändert werden soll, wer daran beteiligt ist und woran eine Verbesserung im Alltag erkennbar wäre. Daraus ergibt sich eine erste therapeutische Arbeitshypothese. Sie ist kein unveränderlicher Zeitplan.

Die häufig genannte Spanne von 12 bis 24 Sitzungen beschreibt eine typische Größenordnung, nicht eine verbindliche Vorgabe. Auch der statistische Durchschnitt von etwa 10 bis 15 Sitzungen darf nicht als Norm missverstanden werden. Solche Werte sagen etwas über die Verteilung von Behandlungsverläufen aus. Sie legen nicht fest, wie viele Termine eine einzelne Person benötigt.

In der Praxis lassen sich grob drei Behandlungsmuster unterscheiden:

1. Fokussierte Kurzzeitbehandlung: Ein klar umrissenes Problem steht im Zentrum. Die Interventionen konzentrieren sich auf wenige zentrale Muster, Entscheidungen oder Konfliktbereiche. Eine begrenzte Zahl von Sitzungen kann ausreichen, wenn sich im Alltag eine stabile Veränderung zeigt.

2. Mittlerer Behandlungsverlauf: Mehrere miteinander verbundene Themen werden bearbeitet. Dazu können beispielsweise depressive Symptome, wiederkehrende Paarkonflikte, familiäre Loyalitätskonflikte oder Schwierigkeiten bei der Abgrenzung gehören. Die Therapie benötigt dann mehr Zeit, weil nicht nur ein einzelnes Verhalten, sondern eine komplexe Strukturdynamik betroffen ist.

3. Längerer Verlauf: Chronische Beschwerden, wiederholte Krisen, erhebliche Beziehungskonflikte oder mehrere psychische Belastungen können eine längere Behandlung erforderlich machen. In solchen Fällen muss zunächst häufig eine ausreichende Stabilität entstehen, bevor systemische Muster differenziert bearbeitet werden können.

Die Vorstellung, eine systemische Therapie müsse nach wenigen Terminen beendet sein, ist daher ein Mythos. Ebenso falsch ist die Annahme, jede systemische Behandlung dauere grundsätzlich unbegrenzt. Fachlich sinnvoll ist eine regelmäßige Prüfung: Was hat sich verändert? Welche Intervention war wirksam? Wo bestehen weiterhin relevante Einschränkungen? Und ist eine Fortführung noch begründet?

Systemische Therapie ist häufig zeitlich begrenzt, aber nicht schematisch kurz. Die Dauer folgt dem Veränderungsprozess, nicht einem Therapieversprechen.

Warum die Sitzungsanzahl allein wenig aussagt

Die Zahl der Termine beschreibt nur den äußeren Umfang. Sie sagt nichts darüber aus, wie intensiv eine Behandlung arbeitet oder wie viel sich zwischen den Sitzungen verändert. Eine einzelne Sitzung mit mehreren beteiligten Personen kann eine andere therapeutische Reichweite haben als ein Einzelgespräch. Umgekehrt kann ein komplexer Verlauf auch durch häufige Einzeltermine nur langsam vorankommen.

Für die Beurteilung der Wirksamkeit sind andere Fragen aussagekräftiger:

  • Ist der therapeutische Auftrag zu Beginn ausreichend präzisiert?
  • Lassen sich relevante Muster im Denken, Fühlen und Handeln erkennen?
  • Werden Ressourcen und bisherige Lösungsversuche einbezogen?
  • Gibt es nachvollziehbare Veränderungen im Alltag?
  • Werden Rückfälle, neue Belastungen und Gegenbewegungen berücksichtigt?
  • Wird die Behandlung beendet, wenn die Ziele erreicht oder nicht mehr realistisch veränderbar sind?

Eine Therapieplanung, die ausschließlich auf eine bestimmte Sitzungszahl ausgerichtet ist, kann die therapeutische Arbeit verengen. Die umgekehrte Gefahr besteht ebenfalls: Eine Behandlung kann sich fortsetzen, obwohl keine relevante Veränderung mehr eintritt. Beides ist methodisch unzureichend.

Die gesetzliche Regelversorgung: Was die Krankenkassen seit 2020 finanzieren

Seit dem 1. Juli 2020 übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für systemische Therapie bei Erwachsenen im Rahmen der Regelversorgung. Damit ist die Methode in Deutschland nicht mehr ausschließlich dem Selbstzahlerbereich oder spezialisierten Beratungsangeboten zugeordnet.

Die Regelversorgung setzt jedoch einen psychotherapeutischen Behandlungsgrund voraus. Reine Paarberatung oder allgemeine Eheberatung ohne diagnostizierte psychische Erkrankung wird nicht automatisch als Kassenleistung übernommen. Das ist eine zentrale Abgrenzung: Systemische Methoden können in Paar- und Familiensettings eingesetzt werden, die Kostenübernahme richtet sich aber nach den Bedingungen der Psychotherapie und der jeweiligen Behandlung.

Für eine Langzeittherapie liegt das Höchstkontingent bei maximal 48 Sitzungen. Im Rahmen eines Erstantrags können bis zu 36 Sitzungen vorgesehen werden. Diese Zahlen markieren den finanziellen beziehungsweise organisatorischen Rahmen der Regelversorgung. Sie bedeuten nicht, dass jede Behandlung 36 oder 48 Sitzungen benötigt.

Kassenleistung und tatsächlicher Therapieverlauf

Die Krankenkassenregelung darf nicht mit einer klinischen Empfehlung verwechselt werden. Ein Kontingent ist keine Therapieindikation. Es schafft die Möglichkeit, eine Behandlung über einen bestimmten Umfang abzurechnen, wenn die fachlichen Voraussetzungen erfüllt sind.

Auch eine kürzere Therapie kann vollständig sinnvoll sein. Wenn die vereinbarten Ziele erreicht wurden und die Person ihren Alltag wieder ausreichend bewältigen kann, spricht vieles für einen Abschluss statt für eine automatische Ausschöpfung des Kontingents. Eine längere Behandlung kann dagegen fachlich begründet sein, wenn die Problematik nicht innerhalb weniger Sitzungen stabil verändert werden kann.

Die Sitzungsdauer ist ebenfalls geregelt beziehungsweise vom Setting abhängig. Eine Standard-Einzelsitzung im Rahmen der gesetzlichen Versorgung umfasst 50 Minuten. Im Selbstzahlerbereich oder in einem Mehrpersonensetting können Sitzungen 60 bis 90 Minuten dauern. Eine längere Sitzung ist nicht automatisch wirksamer. Sie kann aber notwendig sein, wenn mehrere Personen beteiligt sind oder ein Konfliktgeschehen ausreichend Raum für eine strukturierte Bearbeitung benötigt.

AspektEinzelsettingMehrpersonensetting
BeteiligungEine Patientin oder ein Patient steht im ZentrumPaar, Familie oder weitere Bezugspersonen können einbezogen werden
Typischer ZeitrahmenIn der GKV häufig 50 MinutenIm Selbstzahler- oder Mehrpersonensetting häufig 60 bis 90 Minuten
Therapeutischer FokusIndividuelle Symptome, Wahrnehmungen und HandlungsmusterBeziehungsmuster, Kommunikation und wechselseitige Einflussprozesse
Mögliche StärkeHohe Konzentration auf persönliche ZieleDirekte Bearbeitung von Interaktionen und Beziehungskontext
Mögliche SchwierigkeitRelevante Bezugspersonen bleiben außerhalb des GesprächsHöhere Komplexität und stärkerer Moderationsbedarf

Die Tabelle beschreibt typische Rahmenbedingungen, keine Qualitätsrangfolge. Die geeignete Form hängt von der Fragestellung ab. Nicht jedes Problem wird durch die Anwesenheit weiterer Personen besser bearbeitbar. Bei manchen Themen ist zunächst ein geschütztes Einzelsetting erforderlich. Bei anderen liegt die zentrale Veränderungsmöglichkeit gerade in der direkten Arbeit mit dem Beziehungssystem.

Warum systemische Arbeit Zeit braucht: Die Bedeutung der Abstände zwischen den Terminen

Ein weiterer verbreiteter Irrtum betrifft die zeitlichen Abstände. In der systemischen Therapie liegen zwischen den Sitzungen häufig zwei bis vier Wochen. Das wird gelegentlich als Zeichen einer geringen Intensität gedeutet. Diese Interpretation ist nicht zwingend.

Systemische Therapie setzt nicht nur auf die Gesprächssituation. Sie untersucht, wie sich Wahrnehmungen, Entscheidungen und Interaktionen im Alltag verändern. Eine Intervention kann in der Sitzung entwickelt werden, ihre Wirkung zeigt sich jedoch oft erst in den folgenden Tagen oder Wochen. Die betroffene Person beobachtet dann, ob ein anderes Verhalten möglich ist, wie Bezugspersonen darauf reagieren und welche bisherigen Annahmen sich bestätigen oder verändern.

Der Abstand erfüllt damit eine methodische Funktion:

  • Neue Handlungsmöglichkeiten können außerhalb der Therapie erprobt werden.
  • Beziehungsmuster werden unter Alltagsbedingungen sichtbar.
  • Veränderungen lassen sich von kurzfristigen Effekten unterscheiden.
  • Rückmeldungen aus dem Umfeld können in die nächste Sitzung einfließen.
  • Die Behandlung wird nicht auf die therapeutische Situation beschränkt.

Das bedeutet nicht, dass größere Abstände immer besser sind. Bei akuten Krisen, hoher Symptomlast oder unzureichender Stabilität kann eine engere Unterstützung erforderlich sein. Die Frequenz muss zur klinischen Situation passen. Ein zweiwöchiger Abstand ist kein Beweis für eine leichte Problemlage, genauso wenig wie wöchentliche Termine automatisch eine höhere Wirksamkeit garantieren.

Veränderung zwischen den Sitzungen

Die systemische Perspektive betrachtet die Zeit zwischen den Terminen als Teil des therapeutischen Prozesses. Dabei handelt es sich nicht zwingend um formale Hausaufgaben. Häufig geht es um Beobachtungen und kleine Verhaltensänderungen:

  • In welchen Situationen tritt das bisherige Muster besonders zuverlässig auf?
  • Was geschieht, wenn eine Person anders reagiert als gewöhnlich?
  • Welche Reaktion löst eine neue Kommunikation bei den anderen Beteiligten aus?
  • Welche Ausnahme von der bisherigen Problembeschreibung lässt sich erkennen?
  • Was stabilisiert die Verbesserung, und wodurch wird sie wieder unterbrochen?

Solche Fragen haben eine diagnostische und eine therapeutische Funktion. Sie helfen, die Problembeschreibung zu differenzieren und die nächste Intervention präziser zu planen. Eine systemische Therapie ist deshalb nicht allein eine Abfolge von Gesprächen. Sie ist ein Prozess aus Beobachtung, Hypothesenbildung, Intervention und erneuter Prüfung.

Mehrpersonensetting und Komplexität: Faktoren, die den Therapieverlauf beeinflussen

Systemische Therapie kann Bezugspersonen in die Behandlung einbeziehen. Möglich sind beispielsweise Paar- oder Familiensitzungen. Das Mehrpersonensetting ist kein dekoratives Zusatzangebot, sondern eine methodische Entscheidung. Es wird dann relevant, wenn die Beschwerden in einem Beziehungskontext entstehen, aufrechterhalten werden oder durch Interaktionen beeinflusst sind.

Das gilt nicht nur für offensichtliche Konflikte. Auch bei einer individuellen psychischen Erkrankung können Angehörige eine wichtige Rolle spielen. Sie können entlastend wirken, unbeabsichtigt Vermeidungsverhalten verstärken oder selbst durch die Situation stark belastet sein. Die Einbeziehung muss deshalb sorgfältig geplant werden. Nicht jede Bezugsperson gehört in jede Sitzung, und nicht jede Information muss im Beisein anderer besprochen werden.

Systemische Familientherapie ist nicht automatisch länger

Die Beteiligung mehrerer Personen kann eine Therapie beschleunigen, weil relevante Interaktionen direkt bearbeitet werden. Sie kann den Prozess aber auch anspruchsvoller machen. Unterschiedliche Problemdefinitionen, Loyalitäten und Erwartungen müssen zunächst sortiert werden. Das erhöht den Moderationsbedarf.

Die Dauer einer systemischen Familientherapie hängt daher unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • Anzahl der beteiligten Personen: Mehr Perspektiven können das Verständnis erweitern, erhöhen aber die Komplexität.
  • Stabilität der Beziehungen: Bei eskalierenden Konflikten muss zunächst eine arbeitsfähige Gesprächsstruktur entstehen.
  • Problemdefinition: Ein klarer Auftrag lässt sich meist fokussierter bearbeiten als ein unspezifisches Gesamtproblem.
  • Chronizität: Lang bestehende Muster verändern sich in der Regel nicht allein durch eine neue Einsicht.
  • Psychische Symptomatik: Schwere oder wiederkehrende Symptome können eine längere Stabilisierung erfordern.
  • Alltagsbedingungen: Zeitliche Belastung, Krankheit, Pflegeaufgaben oder soziale Unsicherheit beeinflussen die Umsetzung.
  • Motivation und Bereitschaft: Systemische Arbeit setzt nicht voraus, dass alle Beteiligten dieselbe Sichtweise haben. Eine minimale Bereitschaft zur Beobachtung und Veränderung ist jedoch hilfreich.
  • Therapeutische Zielklarheit: Ohne überprüfbare Ziele bleibt die Behandlung schwer steuerbar.

Diese Faktoren sind keine Checkliste für eine exakte Vorhersage. Sie helfen, die Sitzungsanzahl nicht aus einem einzelnen Merkmal abzuleiten. Eine konflikthafte Paarbeziehung benötigt nicht automatisch eine Langzeittherapie. Eine scheinbar klar umrissene Einzelproblematik kann sich im Verlauf als Teil eines größeren Musters zeigen.

Die relevante Frage lautet nicht: Wie viele Sitzungen sind vorgesehen? Sie lautet: Welche Veränderung muss stabil genug sein, damit eine Beendigung fachlich vertretbar ist?

Systemische Beratung, Psychotherapie und die Frage der Zuständigkeit

Der Begriff „systemisch“ wird in unterschiedlichen Bereichen verwendet. Systemische Beratung, Coaching, Paarberatung und systemische Psychotherapie arbeiten teilweise mit ähnlichen Methoden, haben aber nicht denselben Auftrag.

Systemische Beratung richtet sich häufig auf Entscheidungsprozesse, Kommunikation, berufliche oder familiäre Konflikte und konkrete Veränderungsfragen. Sie ist nicht automatisch Behandlung einer psychischen Erkrankung. Systemische Psychotherapie ist dagegen auf die Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen ausgerichtet und findet unter entsprechenden fachlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen statt.

Diese Unterscheidung ist für die Dauerfrage relevant. Eine Beratung kann nach wenigen Terminen beendet sein, wenn eine Entscheidung vorbereitet oder eine Kommunikationsfrage geklärt wurde. Eine Psychotherapie kann mehr Zeit beanspruchen, wenn Symptome, Rückfälle, Vermeidungsverhalten oder tief verankerte Beziehungsmuster bearbeitet werden müssen.

Auch der Begriff Kurzzeittherapie darf nicht missverständlich verwendet werden. Kurz bedeutet nicht, dass die Behandlung oberflächlich ist oder nach ein bis drei Sitzungen abgeschlossen sein muss. Kurzzeittherapie bezeichnet einen begrenzten, fokussierten Behandlungsrahmen. Innerhalb dieses Rahmens können mehrere Sitzungen notwendig sein, um eine tragfähige Veränderung zu entwickeln und zu überprüfen.

Individuelle Therapieplanung statt starrer Zeitvorgaben

Eine seriöse Einschätzung der Dauer ist zu Beginn immer vorläufig. Der Therapeut kann anhand der Problemlage, der bisherigen Entwicklung und des vereinbarten Auftrags eine Arbeitsplanung erstellen. Eine präzise Vorhersage über den gesamten Verlauf ist jedoch selten möglich. Therapie verändert nicht nur Symptome, sondern auch die Sicht auf das Problem. Dadurch können sich Ziele verschieben oder neue Zusammenhänge sichtbar werden.

Eine fachlich nachvollziehbare Planung enthält typischerweise mehrere Elemente:

1. Klärung des Auftrags: Was soll sich konkret verändern? Wer erwartet welche Veränderung?

2. Beschreibung des Ausgangszustands: Welche Symptome, Konflikte und Einschränkungen bestehen aktuell?

3. Erfassung relevanter Systeme: Welche Personen, Beziehungen und institutionellen Bedingungen beeinflussen die Situation?

4. Definition beobachtbarer Ziele: Woran lässt sich erkennen, dass die Behandlung Fortschritte macht?

5. Auswahl geeigneter Interventionen: Welche systemischen Methoden passen zur Fragestellung und zum Setting?

6. Regelmäßige Zwischenbilanz: Welche Veränderungen sind eingetreten, welche Erwartungen haben sich nicht bestätigt?

7. Entscheidung über Fortführung oder Abschluss: Ist eine weitere Therapie noch wirksam und begründet?

Zu den systemischen Methoden können beispielsweise zirkuläre Fragen, Perspektivwechsel, Ressourcenarbeit, Genogrammarbeit, narrative Interventionen oder lösungsorientierte Gesprächsformen gehören. Ihre Anwendung ist kein Selbstzweck. Eine Methode ist dann sinnvoll, wenn sie die Problembeschreibung präzisiert, neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet oder eine relevante Interaktion verändert.

Mehrgenerationenperspektive und Therapiedauer

Die Mehrgenerationenperspektive kann helfen, wiederkehrende Muster über mehrere Generationen hinweg zu verstehen. Dabei geht es nicht um die Suche nach einem einzelnen Verursacher. Untersucht werden Überzeugungen, Loyalitäten, Rollenverteilungen und Umgangsformen, die in Familien weitergegeben oder neu interpretiert werden.

Eine solche Perspektive bedeutet nicht automatisch eine lange Behandlung. Sie kann in wenigen Sitzungen einen wichtigen Zusammenhang sichtbar machen. Die Erkenntnis allein verändert jedoch noch nicht zwingend das Verhalten. Entscheidend ist, ob aus der neuen Perspektive konkrete Handlungsmöglichkeiten entstehen und im Alltag umgesetzt werden können.

Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen Einsicht und Wirksamkeit. Eine therapeutische Erklärung kann plausibel sein, ohne dass sie die Lebenssituation verbessert. Deshalb sollte der Verlauf nicht nur anhand von Gesprächen, sondern anhand von Veränderungen im Alltag beurteilt werden.

Woran sich ein sinnvoller Abschluss erkennen lässt

Das Ende einer systemischen Therapie sollte nicht ausschließlich durch ein ausgeschöpftes Sitzungsbudget oder durch Ermüdung bestimmt werden. Fachlich relevant ist, ob der ursprüngliche Auftrag ausreichend bearbeitet wurde und ob die erreichte Veränderung im Alltag Bestand hat.

Ein Abschluss kann naheliegen, wenn:

  • die zentralen Symptome deutlich reduziert sind oder wieder eigenständig bewältigt werden können,
  • belastende Interaktionsmuster erkannt und in relevanten Situationen verändert werden,
  • die Person eigene Handlungsmöglichkeiten wieder wahrnimmt,
  • Rückfälle oder erneute Krisen realistisch eingeordnet werden können,
  • die Beteiligten wissen, welche Schritte bei einer Verschlechterung sinnvoll sind,
  • weitere Sitzungen keine zusätzliche erkennbare Wirksamkeit mehr zeigen.

Ein Abschluss muss nicht bedeuten, dass jede Belastung verschwunden ist. Psychotherapie ist nicht immer in der Lage, äußere Konflikte, chronische Erkrankungen oder soziale Probleme zu beseitigen. Sie kann aber dazu beitragen, mit diesen Bedingungen anders umzugehen, Handlungsspielräume zu erweitern und die psychische Symptomatik zu verringern.

Umgekehrt sollte eine Behandlung überprüft werden, wenn über längere Zeit keine relevante Veränderung eintritt. Dann kann eine Anpassung des Auftrags, ein Wechsel der Intervention, die Einbeziehung weiterer Bezugspersonen oder eine andere Behandlungsmethode sinnvoll sein. Die bloße Fortsetzung ist keine eigenständige therapeutische Strategie.

Fazit: Die Dauer folgt der Aufgabe, nicht dem Mythos

Die systemische Therapie ist weder grundsätzlich eine Behandlung mit nur wenigen Terminen noch eine zeitlich unbegrenzte Methode. In der Praxis liegen viele Verläufe im Bereich von etwa 10 bis 15 beziehungsweise 12 bis 24 Sitzungen. Bei der gesetzlichen Versorgung für Erwachsene sind seit dem 1. Juli 2020 auch längere Behandlungen möglich; das Höchstkontingent einer Langzeittherapie liegt bei maximal 48 Sitzungen, bei einem Erstantrag können bis zu 36 Sitzungen vorgesehen werden.

Diese Zahlen sind Rahmenbedingungen, keine Qualitätsgarantie. Die tatsächliche Dauer hängt von der Problemlage, der psychischen Symptomatik, dem Beziehungssystem, dem Setting und der beobachtbaren Veränderung ab. Typische Abstände von zwei bis vier Wochen sind dabei nicht Ausdruck einer geringeren Intensität, sondern können die Erprobung neuer Handlungsmöglichkeiten im Alltag ermöglichen.

Die zentrale Orientierung bleibt methodisch: Eine systemische Therapie ist dann angemessen lang, wenn ihr Auftrag klar bearbeitet wurde, die Veränderung im Alltag erkennbar ist und eine Fortführung keine zusätzliche Wirksamkeit erwarten lässt. Wer nach der Sitzungsanzahl fragt, sollte deshalb immer auch nach Ziel, Verlauf und Ergebnis fragen.

Häufige Fragen

Wie viele Sitzungen sind bei einer systemischen Therapie üblich?
In der Praxis umfasst eine systemische Therapie häufig etwa 10 bis 15 Sitzungen, in vielen Verläufen auch 12 bis 24. Bei höherer Komplexität kann die Behandlung jedoch länger dauern.
Übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine systemische Therapie?
Ja, seit dem 1. Juli 2020 übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für systemische Therapie bei Erwachsenen im Rahmen der Regelversorgung, sofern eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist.
Wie lange dauert eine systemische Langzeittherapie bei der Krankenkasse?
Das Höchstkontingent für eine Langzeittherapie liegt bei maximal 48 Sitzungen. Im Rahmen eines Erstantrags können bis zu 36 Sitzungen vorgesehen werden.
Warum liegen zwischen den Sitzungen oft zwei bis vier Wochen?
Die Abstände ermöglichen es, neue Handlungsmöglichkeiten außerhalb der Therapie zu erproben und zu beobachten, wie sich Beziehungsmuster unter Alltagsbedingungen verändern.
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um eine systemische Therapie zu beenden?
Ein Abschluss ist sinnvoll, wenn der therapeutische Auftrag bearbeitet wurde, zentrale Symptome reduziert sind und die erreichte Veränderung im Alltag Bestand hat.